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Geschichte


Geschichtliches

Werder ist mit etwa 120 Einwohnern einer der kleineren Orte der Stadt Bockenem. Biegt man von Hildesheim kommend 200 Meter hinter dem Ortsausgang von Nette nach Empfehlung der PKW Navigation links in einen schmalen asphaltierten Wirtschaftsweg ein und folgt diesem immer geradeaus, so meint man schließlich den Kirchturm Werders vor Augen zu haben. Tatsächlich aber blickt man schon auf den nächsten und benachbarten Ort Schlewecke. Die Häuser von Werder hingegen liegen völlig versteckt im Tal zwischen Bäumen und tauchen erst auf, wenn man den Rand des Dorfes erreicht. Werder besteht nur aus einer Ansammlung weniger Wohnhäuser und Höfe entlang einer Haupt- und weniger Seitenstraßen, die sich durch ein kleines Tal schlängeln. Durch Werder fließt der Rottebach, der am nordöstlichen Ortsrand in die Nette mündet. Daher trägt Werder seinen Namen nicht ohne Grund, denn dieser ist das niederdeutsche Wort für Flussinsel. Schon im Mittelalter ist hier im sicheren Schutz des damaligen Nettebogens eine Wasserburg entstanden. Diese war im Auftrag des Reichsklosters Gandersheim Verwaltungssitz für Teile des Mittleren Ambergaus. Erster bekannter Vertreter war 1147 Dietrich von Werder, der mit einer Schwester des Grafen Ludolf I. verheiratet war. Durch diese Verbindung entwickelten sich die verwandtschaftlichen Beziehungen beider Grafengeschlechter. Nach dem Tode des letzten und ohne Erbe gebliebenen Liudger von Werder wurden dessen Güter und die Burg auf die Wohldenberger Grafen übertragen. Das Wappen von Werder entspricht daher vermutlich dem ältesten Wappen der Grafen vom Wohldenberg.  Es hat drei senkrechte goldenen Balken auf rotem Grund, über denen zwei wellenförmige silberne Balken liegen. Diese sind als Symbole für die beiden Flüsse zu deuten, die Werder umfließen.

1275 gelangte die Burg durch Verkauf der Grafen von Wohldenberg in die Hände des Hildesheimer Bischofs Otto I., 1292 wurde sie im Rahmen einer Fehde zwischen dessen Nachfolger Bischof Siegfried II. und Herzog Heinrich dem Wunderlichen von Grubenhagen zerstört. Nur in Teilen wieder aufgebaut wird sie 1386 im Besitz des Ritters Burchard von Steinberg zu Bodenburg noch einmal als „Haus Werder“ erwähnt.

Zur Wasserburg gehörten eine Mühle und ein Wirtschaftshof. Während dieser auf der Westseite des Tales hochwasserfrei lag, nutzte man für Wasserburg und Mühle natürlich die Flussnähe. Aus Wasserburg und Wirtschaftshof entwickelte sich schließlich in unmittelbarer Nähe das Dorf Werder.

Über Jahrhunderte stellte die Nähe zur Nette für die Bewohner von Werder eine Gefahr dar. Denn immer wieder hatte das Dorf noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein mit verheerenden Hochwassern zu kämpfen. Erst seit Werder 1995/96 eine Umwallung erhalten hat, sind die Dorfbewohner von dieser Sorge befreit.

Die Mühle von Werder ist schon seit 1327 bekannt. Der Mühlenbetrieb lag zwischen 1430 und 1881 in den Händen des im Ambergau bekannten Müllergeschlechts Lindenberg und endete erst im Jahr 1963.

Heute ist von der mittelalterlichen Wasserburg nichts und von der Mühle nur noch wenig zu sehen. Die im Rahmen der Eindeichungsarbeiten freigelegten Fundamente, Mauerreste und Feuerstellen der Burg wurden jedoch dokumentiert, ehe die Erde für den schützenden Deich aufgeschüttet wurde.

Von sich reden macht der kleine Ort im Tal nun zur Erleichterung der hier lebenden Menschen nicht mehr durch Hochwasser- und Überschwemmungsnachrichten, aber jährlich durch den über die Grenzen des Ambergau bekannten Motorradgottesdienst in der hiesigen Johannes-Kapelle. Doch davon wird später an anderer Stelle erzählt.


Historische Baulichkeiten

St.-Johannes-Kapelle

Zu finden: an der Wasserburgstraße

Die Kapelle in Werder ist eine kleine Kirche aus Bruchstein mit Quaderecken. Über ihrem Westportal ist die Jahreszahl 1759 zu lesen, das Jahr, in dem die Kapelle von Grund auf neu errichtet wurde. Gut zwanzig Jahre vorher war der Turm schon instandgesetzt worden, die Wetterfahne zeigt noch heute die Zahl 1737.

Tatsächlich wurde aber schon vor und zu Zeiten der Herren von Werder von diesen eine Kirche gegründet. Bekannt ist auch, dass Werder sich im Mittelalter aus dem Archediakonat Bockenem lösen kann und selbständige Kapellengemeinde wird. Die Zeit des katholischen Geistlichen endet mit der Reformation im Jahr 1542. In der Chronik der Pastoren ist zu lesen, dass der Geistliche von Werder am 12. Oktober von den Reformatoren Bugenhagen und Corvinius nach Bockenem eingeladen wurde, um von ihnen in die evangelische Lehre mit ihren Zeremonien und Sakramenten eingeführt zu werden, die er von nun an verkünden soll. Aber der Priester, "einer der ungelagerten, ungeschickten und unehelichen (unverheirateten) Pfaffen, die fest dem Papstumb anhangen", erscheint nicht in Bockenem (aus: Palandt, Elfriede, Chronik der Kapelle in Werder, S. 77). Dennoch gelingt der Anschluss der Kapellengemeinde an die Kirchengemeinde in Bockenem und eine Umwandlung in ein protestantisches Gotteshaus noch bis Ende 1542. 1573 wird Werder Filialkirche von Schlewecke.

In der Folgezeit fällt die Kapelle immer wieder Zerstörungen zum Opfer und wird während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) mehrfach ausgeraubt und ihr Inventar zerstört. Der steinerne achteckige Taufstein, datiert wohl um 1542, gehört mit einer Glocke im Kirchturm aus dem Jahre 1481 zu den ältesten erhaltenen Inventarstücken der alten Kapelle. Er war zwischenzeitlich und noch bis weit ins 20. Jahrhundert im Garten des Schullehrers als Blumenkübel ,,aufbewahrt" worden, hat aber heute wieder seinen Platz im Altarraum der Kirche. Jede zweite Seite des achteckigen Beckens ist verziert mit einem asymmetrisch geformten Wappenschild. Zu erkennen sind drei phrygische Mützen, drei Sparren, eine Lilie sowie eine geteilte Schild, in dessen oberer Hälfte eine soganannte gemeine Figur zu sehen ist. Ersetzt wurde der Taufstein zwischenzeitlich durch einen Taufengel, der heute ebenfalls im Altarraum hängt. Über die Herkunft dieses Engels ist nichts bekannt; es wird aber vermutet, dass er aus dem Jahr 1759 stammt. Auch er lag über Jahrzehnte unbeachtet in einem Winkel der Kapelle und hatte erheblich Schaden davongetragen. 1957 wurde er restauriert erhielt neue Arme und Flügel. Nicht mehr ersetzt wurde die verlorengegangene Taufschale, die der Engel ursprünglich in den Händen hielt. Stattdessen spannt sich zwischen ihnen nun ein Band mit dem Spruch aus dem Markus-Evangelium: Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden. (Mk. 16;16 )

Aus der Zeit des Neubaus der Kapelle stammt der steinerne Kanzelaltar, die beiden Altarleuchter aus dem Jahr 1724.

An der Südwand zwischen den beiden vorderen Fenstern hängt die farbig gestaltete und 1978 restaurierte Holzfigur des Evangelisten Johannes, die vom Amt für Denkmalpflege in die Zeit der Spätgotik eingeordnet wurde. Sie wurde bei Aufräumarbeiten auf dem Dachboden der Kirche gefunden und gibt der kleinen Werder´schen Kirche, die bis dahin namenlos war, seit 2005 ihren heutigen Namen St.-Johannes-Kapelle.

Die beiden Seitenemporen wurden 1970 aus Platzgrünen entfernt  und die alten Bänke bis auf ein Exemplar im Altarraum durch Stühle ersetzt.

Noch heute gehört die Gemeinde Werders zur Kirchengemeinde des nahegelegenen Schlewecke und die Verstorbenen von Werder werden auf dem Friedhof von Schlewecke beerdigt. Die Kinder des Ortes werden jedoch nach wie vor in St. Johannes getauft.

Altes Schulhaus

Zu finden: an der Wasserburgstraße

Direkt neben der Kirche liegt die alte Schule von Werder. Einst hieß es im Ambergau ,,Werder in der Kuhle hat ne neue Schule". Doch die Zeiten des Werder´schen Schulhauses sind längst Geschichte. Heute wird es als Dorfgemeinschaftshaus genutzt, im Obergeschoß befindet sich eine Privatwohnung. Die Kinder von Werder besuchen die Grundschule im Gemeindemittelpunkt Bockenem.


Spuren von historischen Produktionsstätten

Wassermühle

Zu finden: Wassermühlenstraße

Wenn auch von der Wasserburg von Werder nichts mehr zu sehen ist, so gibt es die ehemals zur Burg gehörende Mühle noch heute.

Die Mühle wird erstmals 1260 erwähnt und in einer Urkunde aus dem Jahre 1327 wird sie als "Slaegemole" bezeichnet. In dieser Schlackenmühle wurde nachweislich zum einen Rammelsbergerz verarbeitet, zum anderen war sie Mahlbetrieb für Getreide mit angeschlossener Oelmühle für die Bauern der in der Nachbarschaft liegenden Dörfer Werder, Schlewecke, Nette, Störy, Hary und Bönnien. Schon 1430 kam sie in den Besitz des Müllers Lindenberg, dessen Familie im Ambergau noch weitere Mühlen betrieb. Noch heute erinnert die Inschrift in einem Sandsteinquader des Mauerwerk des Stallgebäudes an die Lindenbergs. Hier heißt es "Dieses Haus hat gebaut Meister Christian Heidrich Lindenberg und Anna Isabel Lacken - Anno 1730".

Nach fast 500 Jahren verkaufte die Familie Lindenberg die Mühle. Sie wechselte in den folgenden 26 Jahre noch zweimal den Besitzer, bis sie 1907 von August Sattler übernommen wurde. Er nahm umfangreiche Änderungen vor, in deren Zusammenhang das alte Backhaus abgerissen und ein Getreidespeicher gebaut wurden.

Im 19.Jahrhundert entstanden zunehmend große Mühlenbetriebe, die kleinen Dorfmühlen, wie auch der Mühle in Werder, starke Konkurrenz machten und deutlich wirtschaftlicher arbeiten konnten. So musste auch die Wassermühle von Werder 1962 ihren Betrieb einstellen. Das Mühlenwehr und die dazugehörenden Gebäude jenseits der Nette wurden 1969 abgerissen und das gesamte Mühlengebäude wenig später zu einem Wohnhaus umgebaut.

Welche Bedeutung der Mühlenbetrieb der Wassermühle von Werder einst gehabt hat lässt sich erahnen, wenn man einen Blick auf die alte und prächtige Tür zum Mühlengebäude wirft. Sie scheint ein Zwilling des Kirchenportals der Kirche von Werder zu sein und steht dieser in Größe und handwerklicher Ausführung in keiner Weise nach. Vermutlich war der Müller Lindenberg wichtiger Mäzen der Kirche, denn sein Name ist in der Wetterfahne auf der Kirchturmspitze gut zu lesen.

Im Gegensatz zur Kirchtür ist die alte Eingangstür zur Mühle heute nicht mehr öffentlich zugänglich; die beiden hier abgebildeten Fotografien können aber einen guten Eindruck vermitteln.